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-- I/VI --

 

"In Dänemark herrschte mit Glück und Ruhm König Rodgar, aus dem edlen Geschlecht der Schildungen; viel Ehre im Kampf hatte er sich erworben und kühne Genossen um sich geschart. Als er  zu Jahren kam, gedachte er sich einen herrlichen Saal zu schaffen, größer und schöner, als je Menschenaugen ihn gesehen hatten, um dort seinen Reichtum mit den Getreuen zu teilen. Aus aller Welt ließ er Werkleute kommen, und rasch wuchs der Bau empor mit Türmen und Zinnen, die von mächtigen Geweihen gekrönt wurden; daher hieß sie fortan Hirschburg. Jeden Tag war sie erfüllt von Festjubel, Becherklang und Harfenschlag, und jeden Tag teilte der König Geschenke aus.

 

Den frohen Lärm hörte ein Unhold, der unfern im wilden Moor hauste, ein gräulicher Riese, mit Namen Grendel geheißen. Eines Nachts kam er geschlichen, als die Genossen nach fröhlichem Schmaus und Gelage sorglos und fest im Saale schliefen. Unbemerkt drang er ein, raubte auf einen Zug dreißig Helden von den Bänken und schleppte sie zum Fraß in seine eigene Behausung. Am Morgen, als die Untat entdeckt wurde, erscholl die Halle von Wehklagen; der König glaubte nie wieder froh werden zu können, nachdem er die blutige Spur des Unholds gesehen hatte. Aber sein Leid sollte sich noch mehren, denn in der nächsten Nacht kam Grendel wieder zum mörderischen Fang; und so verübte er seine Untaten Nacht für Nacht, ohne das jemand ihm wehren konnte; denn er hatte die Stärke vieler Männer und war fest gegen Stahl und Eisen. Darum setzten die Bewohner ihre Betten fortan in  entfernte Räume; der herrlichste der Säle in der Hirschburg stand des Nachts zwölf Jahre hindurch öde. Wohl erkühnten sich manchmal doch verwegene Helden, vom Met befeuert, das Ungeheuer bewaffnet zu erwarten; aber dann waren am Morgen die Kämpfer verschwunden und die Dielen überströmt von geronnenem Blut. Ganz vergebens rief Rodgar die Götter an; weder Opfer noch Beschwörungen vertrieben den gespenstigen Schattengänger.

 

Von dieser Not hörte jenseits der See Beowulf, der beste Held des Gautenkönigs Hygelak, und er beschloß, den Kampf mit Grendel zu bestehen. Früh des Vaters beraubt, war Beowulf am Gautenhof aufgewachsen; man achtete ihn anfangs wenig und spottete seiner auf der Metbank, denn er schien träge und untüchtig. Aber als er vollwüchsig war, griff er zum Schwert und erschlug Riesen und  Ungeheuer zuhauf auf dem Lande und dem Meer. Einmal schwamm er mit einem Freund um die Wette, die Brünne um die Brust, in der Hand das nackte Schwert – mehr als sieben Nächte dauerte es, bis er fern von der Heimat den Strand erreichte, und er hatte in dieser Zeit neun Meeresungetüme erschlagen. Seine Kraft war gewaltig, der von dreißig Männern gleich; aber er war milden Sinns und jedem edlen Helden ein Freund. Von allen guten Wünschen seines Königs begleitet, rüstete er ein schnelles Schiff und nahm vierzehn Gefährten mit, die besten, die er finden konnte. Der Lotse steuerte das Schiff durch die Riffe und Schären, mit der Flut glitt es hinaus in die offene See, windbeflügelt und schaumumsprüht flog es dahin wie ein Vogel, und schon am nächsten Morgen sahen die Helden die Steilküste, auf der hoch oben die Hirschburg lag. Sie stiegen an Land und machten das Schiff fest. Vom Walle ausschauend, sah Rodgars Wächter die Brünnen leuchten, die weißen Schilde blinken. Er ritt zum Strand hinab, den Speer schwingend, und rief die Gäste an: ´Wer seid Ihr? Nahet Ihr als Feinde, so würdet ihr Euch wohl nicht so offen gezeigt haben; kommt Ihr aber als Freunde, dann bedürft Ihr zum Landen der Erlaubnis meines Königs. Der Mächtige, der im Harnisch Eurem Zuge vorausschreitet, ist wohl Euer Herr, ich erkenne in ihm den Fürsten: so sagt, woher Ihr stammt und was Euer begehr ist!´ Es antwortete Beowulf, der an der Spitze seiner Mannen stand: ´Wir sind Gauten, König Hygelaks Saalgenossen, und ich bin der Sohn Egthiofs, den auch ferne Völker kannten. In mehr als guter Absicht kommen wir her; Rodgar zu helfen gegen den dunklen Unhold, der in des Königs Saal die Helden mordet. Kann Euch dereinst Rettung angetan werden, so denke ich, geschieht sie durch uns allein.´ Der Wächter antwortete: ´Wenn Ihr dem Fürsten so derart wohlgesonnen seid, so folget mir zu ihm! Gern will ich eine Mannschaft zum Strande schicken, die Euer gutes Schiff mit ihrem Leben bewachen sollen.´"

 

 

 

         

 

 

 

 

-- König Hygelak entläßt Beowulf nach Dänemark --

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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