derrosengarten1

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-- I/VI --

 

"Einmal soll es – so erzählen es die Spielleute – geschehen sein, daß die beiden gewaltigsten Helden, Siegfried und Dietrich, sich miteinander maßen. Dietrich saß damals als König zu Bern, Siegfried aber warb erst um Kriemhild, und das Lied sagt, dass auch ihr Vater Gibich noch lebte; ihr jüngster Bruder Gieselher aber war noch ein Kind.

Die Jungfrau Kriemhild besaß zu Worms am Rhein einen Rosengarten, eine Meile lang und eine halbe breit. Statt einer Mauer ging um ihn ein seidener Faden; aber er war wohl sicher, denn ihn hüteten zwölf Helden: König Gibich selbst mit seinen Söhnen Gunther und Gernot, Hagen von Tronje und Volker von Alzey, Walther vom Wasgenstein und Stutfuchs von Holland, die vier Riesen Pusolt, Ortwein, Struthan und Asprian und als stärkster von allen Siegfried, der um die Königstochter freite. Sie war maßlos stolz auf die erlesene Heldenschar und rühmte sie hoch: wohl keine zweite auf der Welt könne sich ihr vergleichen. ´Doch, eine gibt es´, entgegnete ihr ein hochgesinnter Graf; ´wenn die von Bern ins Land kämen, würde vielleicht mancher Eurer Degen unterliegen. Und wenn König Dietrich auf Herrn Siegfried stieße, so gäbe es einen harten Streit, bei dem der Anger sich rot färben würde.´ ´Das sähe ich gerne´, antwortete die Jungfrau; ´was könnte schöner sein als ein heißer Kampf zwischen so hohen Helden!´ Und so sandte sie Botschaft an König Dietrich von Bern: er möge selbzwölft nach Worms gefahren kommen, wenn es ihm gelüste, in ihrem Garten Rosen zu pflücken. Mann für Mann solle ein Berner fechten gegen einen der ihren, und jedem Sieger wolle sie mit Kuß und Umarmung ein Rosenkränzlein aufs Haupte setzen.

König Dietrich aber schüttelte den Kopf, ihm stand nicht der Sinn nach solchen Abenteuern, und der kühne Wolfhart rief: ´Für einen Kuß nach Worms reiten? Wir haben in Bern genug schöne Mädchen mit rotem Munde!´ Aber der alte Hildebrand mahnte: ´Lest den Brief erst zu Ende!´ Und da lasen sie an des Briefes Schluß: ´Wenn Ihr nicht kommt, so sei Euch widersagt, und Ihr sollt nie mehr fürstlicher Ehre genießen.´ ´Das ist ein böser Brief!´ rief Dietrich jetzt voll Zorn, und seine Helden stimmten ein: ´Wir wollen hin nach Worms!´ Sorgsam wählten Dietrich und Hildebrand die Helden aus, die mit auf die Fahrt gehen sollten. Gegen Siegfried wollte Dietrich selbst streiten und gegen König Gibich Hildebrand; Wolfhart, Siegstab, Heime und Wittich sollten die vier Riesen auf sich nehmen; gegen Gunther wurde Alphart, gegen Gernot Helmschrot, gegen Hagen Eckehart, gegen Stutfuchs Hartung von Rußland aufgestellt. Noch fehlten ebenbürtige Gegner für Walther vom Wasgenstein und den Spielmann Volker. ´Gegen Walther, der ein vortrefflicher Held ist, weiß ich nur einen, der ihm gewachsen wäre´, sagte der alte Waffenmeister; ´und das ist Dietleib. Er weilt fern vom Hofe in Steier, aber wir können ihn besenden.´ ´Und wer streitet gegen Volker?´ ´Nun, so nehmen wir dazu unseren alten Freund, meinen Bruder Ilsan.´ ´Er ist seit zwanzig Jahren im Kloster´, wandte Dietrich ein; ´es wäre Sünde, ihn herauszuholen.´ Hildebrand lachte: ´Er wird nur zu gerne kommen; er hat´s dir ja auch geschworen für den Fall, daß du ihn brauchst.´ Nach Dietleib wurde Siegstab ausgesandt, aber er traf ihn nicht mehr in Steier; denn der Held war weit weggezogen, um gegen einen Meerdrachen zu kämpfen. Als Siegstab ihm nachritt nach Wien zu, da kam Dietleib ihm entgegen, und man trug ihm auf einer Lanze das abgehauene Haupt des Ungeheuers voran. Er war noch wund vom harten Kampf, aber seine kühnen Augen sahen schon nach neuem Streit aus. ´Gern fahre ich mit zum Rhein – aber wer ist mir zum Gegner bestimmt?´ Als er hörte, es sei Walther vom Wasgenstein, da rief er: ´Nun komme ich doppelt gern, das ist ein edler Gegner, und selbst von seiner Hand zu fallen, wäre Ruhm!´

Inzwischen hatten sich Dietrich und Hildebrand aufgemacht, um den Mönch Ilsan aus dem Kloster zu holen. Sie kamen vor die Pforte, als die Mönche gerade zur Messe gehen wollten; und der Meister klopfte gewaltig an. Ilsan sprang ans Fenster und sah die Gewappneten, er rief nach Harnisch und Wehr, über das Stahlgewand warf er die graue Kutte und stürzte hinaus, bereit, als einzelner das ganze Heer zu bestehen. Fast hätte er den alten Hildebrand niedergerannt, der sprang noch im letzten Augenblick zur Seite, riß sich den Helm vom Kopf und rief: ´Sprich den Segen, Bruder!´ Ilsan blieb stehen, sah ihn verwundert an und sprach: ´Dich hat wohl der Teufel hergeführt, alter Tollkopf? Wenn ihr unser Klosterland  verwüsten wollt, kriegt ihr´s mit mir zu tun!´ ´Nein, Bruder´, begütigte ihn der Waffenmeister, ´wir wollen nicht mit dir kämpfen, sondern du sollst mit uns kommen nach Worms, um dir aus dem Garten der Königstochter ein Rosenkränzlein und einen Kuß zu holen!´

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-- Der Streit der Helden um den Rosengarten --

 

 

 

 

 

 



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