dervaterfrost1

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-- I/II --

 

-- Diese Sage stammt aus Russland --

 

"Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die hatten drei Töchter. Die Frau konnte die älteste nicht leiden, denn es war ihre Stieftochter. Sie zankte sich mit ihr, Tag um Tag, weckte sie früh und lastete ihr alle Arbeit auf. Das Mädchen mußte das Vieh tränken und füttern, Holz und Wasser tragen, den Ofen heizen und Kleider nähen. Sie mußte die Hütte stets vor Tagesanbruch fegen und in Ordnung bringen. Die Alte war aber trotzdem immer unzufrieden und brummte: ´Wie faul und unordentlich, der Besen steht nicht an seinem Platz, dies fehlt und jenes, und die Hütte ist schmutzig.´ Das Mädchen weinte und schwieg dazu, sie versuchte alles, um die Stiefmutter zufriedenzustellen und ihren Töchtern behilflich zu sein. Die Töchter aber machten es wie die Mutter, sie kränkten Marfuschka, stritten mit ihr, und selbst wenn sie darüber weinte, so war es ihnen recht. Sie selbst standen spät auf, wuschen sich in dem vorbereiteten Wasser, trockneten sich mit reinen Handtüchern ab und machten sich erst an die Arbeit, wenn es zum Essen ging. So wuchsen die Mädchen heran und wurden reif zur Ehe.

 

Dem Alten aber tat seine Tochter leid; er liebte sie, weil sie gehorsam war und arbeitsam: niemals war sie eigensinnig, immer tat sie, was man ihr auftrug, ohne ein Wort der Widerrede. Der Alte konnte aber dem Jammer nicht abhelfen, er war zu schwächlich, und die Alte zu zänkisch, die Töchter faul und störrisch. Die Alten überlegten bald, wie die Töchter zu verheiraten seien, und die Alte überlegte besonders, wie sie die älteste loswerden könnte. Eines Tages sagte die Alte: ´Alter! Wir verheiraten als erste Marfuschka!´ ´Gut´, sagte er in seiner Not und stieg auf den Herd. Die Alte folgte ihm nach und sagte: ´Steh morgen in der frühe auf und spanne das Pferd vor den Holzschlitten und fahre mit Marfuschka fort. Du, Marfuschka, sammle dein Hab und Gut in ein Körbchen und ziehe ein reines Hemd an, morgen fährst du auf Besuch.´ Die gute Marfuschka war froh über das Glück und schlief die ganze Nacht süß und friedlich. Frühmorgens stand sie auf und wusch sich, betete, und packte alles ordentlich ein. Sie schmückte sich, und das Mädchen war so schön, wie man noch keine Braut vor ihr sah. Es war Winter, und es herrschte ein grimmiger Frost. Vor dem Morgengrauen stand der Alte auf und spannte das Pferd vor den Schlitten und führte es vor das Haus. Er selbst ging hinein, setzte sich auf die Bank und sagte: ´Nun habe ich alles vorbereitet.´ ´Setzt euch an den Tisch´, sagte die Alte nur. Der Brotkorb stand auf dem Tisch, und er nahm ein Brot heraus, daß er mit seiner Tochter teilte. Die Stiefmutter brachte mittlerweile alte Suppe und sagte: ´Nun Liebchen, iß und dann fort mit dir, ich mußte dich lange genug ansehen! Alter, führe du Marfuschka zu ihrem Bräutigam, aber gib acht auf dem Weg, alter Narr, fahre erst die gerade Straße und dann biege rechts in den Wald ein – du weißt, gerade bei der großen Fichte, die auf dem Hügel steht, dort übergibst du Marfuschka dem Vater Frost.´ Der Alte riß die Augen auf und sperrte den Mund auf, hörte auf zu kauen, und das Mädchen weinte bitterlich. ´Was gibt es da zu jammern! Der Bräutigam ist doch schön und reich. Seht nur, wieviel Gut er hat: alle Tannen und Fichten im Wald glitzern, die Birken sind voll von Flaum. Ein herrlicheres Leben gibt es kaum, und er selbst ist ein starker Held.´ Der Alte sammelte schweigend alle Habseligkeiten zusammen und befahl seiner Tochter, ihr Schafspelzchen anzuziehen, dann machten sie sich auf den Weg. Endlich erreichten sie die Fichte und bogen vom Weg ab – da stürmte gerade der Schnee. In der Einöde machte der Alte halt, befahl der Tochter auszusteigen und setzte ihr Körbchen unter eine ungeheure Fichte. Dann sagte er: ´Setze dich hierher, erwarte den Bräutigam und empfange ihn nur ja freundlich.´ Daraufhin wandte er sein Pferd und fuhr davon.

 

Das Mädchen saß da und zitterte, die Kälte durchschauderte sie. Sie wollte weinen, doch es fehlte ihr die Kraft, nur die Zähne schlugen zusammen. Plötzlich hörte sie von Ferne den Frost auf einer Tanne knarren, er sprang von Tanne zu Tanne und pfiff. Endlich war er hoch oben auf der Fichte, unter der das Mädchen saß, und er fragte: ´Mädchen, ist dir warm?´ ´Ach ja, Väterchen Frost!´ Der Frost ließ sich tiefer herab, knarrte und pfiff noch etwas mehr als vorher: ´Mädchen sag, oh schönes Mädchen, ist dir warm?´ Dem Mädchen verging fast der Atem, aber sie sagte wieder: ´Warm ist mir, Väterchen Frost!´ Da knirschte der Frost noch mehr und pfiff: ´Ist dir warm, Mädchen, ist dir wirklich warm, schönes Kind, ist dir warm, Herzchen?´ Das Mädchen war fast erstarrt, aber sie sagte nocheinmal: ´Warm ist mir, Väterchen Frost!´"

 

 

 

           

 

 

 

 

 

 

 



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