diewaldstaette2

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-- II/III --

 

"Der Stauffacher aber wußte, daß er von ihm nichts Gutes zu erwarten habe. Seine Frau, die nicht weniger klug war als er selbst, merkte bald, daß er mit Sorgen umherging, und bat ihn, da er nicht von selbst sprach: ´Erzähl mir, was dich bekümmert! Wiewohl man sagt: Frauen geben kalte Räte – wer weiß, ob Gott mir nicht einen guten Gedanken schickt!´ Darauf vertraute er sich ihr an, und als sie gehört hatte, was ihm widerfahren war, sagte sie: ´Weißt du jemanden in Uri, mit dem du die Sache in Heimlichkeit besprechen könntest? Dort wohnt Werner Fürst, der ein Ehrenmann ist und dein Freund!´ Nach diesem Rat tat der Mann, er ging nach Uri und fand den Fürst gleichen Sinns und von gleichen Sorgen bedrückt. Nun berieten sie, ob sie nicht als dritten einen aus Unterwalden an sich ziehen könnten, und wählten dazu Arnold von Melchtal, den jungen Bauernsohn, der vor dem Landenberger aus der Heimat geflohen war. Er irrte, nirgendwo sicher, umher, und sein glühender Wunsch war, Rache zu nehmen für seinen Vater; mit Freuden traf er Stauffacher und Fürst zur Seite. Die drei Männer schworen sich Treue und kamen oft zusammen. Heimlich warben sie in allen drei Waldstätten sichere Leute zu Freunden, die mit Eiden gelobten, in Treue und Wahrheit zusammenzustehen und Leib und Gut zu wagen, um sich der Herren zu erwehren. Wenn sie etwas zu beraten hatten, dann trafen sie heimlich auf dem Rütli, einer Halde am Mythenstein, und brachten die mit, denen sie vertrauten.

 

Während sich der Bund so festigte, wurde Geßlers Übermut immer ärger. Er ließ zu Altorf bei der Linde eine Stange aufrichten und hängte einen Hut daran; daneben stellte er einen Knecht als Wache. Und er gebot: Wer da auch immer vorbeigehe, der solle sich vor dem Hut neigen, als wäre der Herr selbst zur Stelle; wer es aber weigere, dem wolle er mit schwerer Buße strafen. So ungern sie es taten, sie gehorchten doch alle, die vorübergehen mußten, dem Befehl. Nur ein redlicher Mann, der Tell Wilhelm, der auch zu dem Bunde geschworen hatte, ging mehrere Male vor dem Hut auf und ab, ohne sich zu neigen, und der Knecht, der bei der Stange wachte, zeigte ihn dem Landvogt an. Sofort forderte der Geßler den Tell vor sich und fragte ihn: ´Warum neigst du dich nicht vor dem Hut, da ich´s doch geboten habe?´ Tell antwortete: ´Es geschah von ungefähr, ich wußte nicht, daß es Euer Gnaden so ernst damit sei! Wäre ich wohlbedacht, dann hieße ich nicht der Tell!´ Nun war der Tell der beste Schütze, den es im ganzen Lande gab, und er hatte schöne Kinder, die er sehr liebte. Die ließ der Geßler herbeibringen und fragte: ´Sag, welches von deinen Kindern ist dir wohl das liebste?´ ´Sie sind mir alle gleich lieb´, antwortete der Tell. Da griff der Landvogt daß jüngste, einen sechsjährigen Knaben, bei der Hand und sprach zum Vater: ´Wilhelm, ich hörte, du seist ein guter Schütze und fehltest nie dein Ziel – das wirst du mir jetzt beweisen: du sollst deinem Kinde hier einen Apfel vom Haupte schießen!´ Vergebens bat der Tell, ihm das zu erlassen, und sprach: ´Was ihr verlangt, ist gegen die Natur; weist mir ein anderes Ziel!´ Der Landvogt bestand auf seinen Willen und legte selbst dem Kinde den Apfel aufs Haupt.

Der Tell, rings von den Knechten umstellt, sah, daß es kein Entrinnen gab; so willigte er ein. Er nahm einen Pfeil und steckte ihn in sein Wams, einen zweiten legte er auf die Sehne, spannte die Armbrust und bat Gott, sein Kind zu behüten; dann zielte er und schoß glücklich den Apfel von des Kindes Haupt, ohne es zu versehren. ´Das war ein Meisterschuß!´, lobte ihn der Vogt; ´aber sag mir, Tell: warum stecktest du den ersten Pfeil in dein Wams?´ Der Tell antwortete: ´Das ist so Gewohnheit bei uns Schützen.´ Doch damit wollte sich der Landvogt nicht abspeisen lassen, sondern drängte weiter, bis der Tell sagte: ´Versprecht mir Sicherheit für mein Leben, dann will ich´s Euch ganz nach der Wahrheit sagen!´ Nachdem der Landvogt das versprochen hatte, sprach der Tell: ´So hört es denn: Hätte ich mit dem ersten Schuß den Apfel verfehlt und mein Kind getroffen, dann wollte ich Euch mit dem zweiten nicht verfehlt haben!´ Da sprach der Landvogt: ´Ich versprach dir Sicherheit für dein Leben, und das werde ich halten. Aber ich will dich an einem Ort verwahren, wohin weder Sonne noch Mond scheint!´ Flugs ließ er von den Knechten anpacken und binden und in den Nachen werfen, mit dem er selbst nach Schwyz hinüberfahren wollte; Tells Schießzeug aber legten sie auf die hintere Bank."

 

 

 

 

         

 

 

 

 

 

 

 



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