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-- III/III --

 

"Wie sie über den See fuhren und nach Axen zu kamen, erhob sich ein Sturm, so stark, daß Herr und Knechte zu ertrinken fürchteten; denn sie waren des Bootes nicht mehr mächtig. In dieser großen Not sprach einer der Knechte zum Vogt: ´Herr, ihr seht, wie es um uns steht! Ließet ihr dem Tell die Fesseln abnehmen, so könnte er uns wohl davonbringen, denn er ist ein starker Mann und versteht sich auf Wasser und Wind!´ Da sagte der Vogt zum Tell: ´Willst du dein Bestes tun, um uns zu helfen, dann will ich dich losbinden lassen!´ ´Gern, Herr!´, antwortete der Gefangene. Sie nahmen ihm die Fesseln ab, er stellte sich zum Steuer und lenkte das Schiff mit starker Hand durch die Wellen; dabei sah er sein Schießzeug dicht neben sich liegen. Als sie sich der Felsplatte näherten, die seitdem die Tellplatte genannt wurde, rief er den Knechten zu: ´Jetzt fest gerudert! Kommen wir hin zur Platte, dann haben wir das Schlimmste hinter uns!´ Sie ruderten aus allen Kräften, und als sie nahe genug waren, riß er mit Macht das Steuer herum, daß sich das Schiff mit dem Hinterteil gegen das Land drehte, packte sein Schießzeug und sprang mit einem großen Satz auf die Platte hinauf; den Nachen aber stieß er mit einem Fußtritt in die Flut zurück, mitten hinein in die empörten Wogen. Während das Schifflein auf dem See schwankte, lief er auf verborgenen Bergpfaden in aller Eile nach Schwyz und weiter auf Küßnacht zu; in der hohlen Gasse, die nach dem Ort führte, machte er halt und wartete. Mit Mühe und Not waren der Vogt aus Sturm und Wogen entronnen; jetzt kam er mit seinen Dienern durch den Hohlweg geritten und sprach mit ihnen davon, wie sie des Entflohenen habhaft werden möchten, um ihn zu töten. Der Tell stand hinter einem Gebüsch und hörte das Gespräch; da spannte er seine Armbrust und schoß dem Geßler einen Pfeil ins Herz, daß er tot vom Pferde fiel. Dann machte er sich eilends fort und lief durch die Berge nach Uri, um die Nachricht von seiner Tat zu den Eidgenossen zu bringen.

 

Als sie das Geschehene hörten, hielten sie den Augenblick für gekommen, um die Knechtschaft abzuschütteln; denn sie waren inzwischen mächtig genug geworden, und auch manche vom Adel waren ihnen beigetreten. Mit bewaffneter Hand erhoben sie sich, brachen die Burgen und vertrieben die übermütigen Herren. Die noch nicht vollendete Feste Zwing-Uri zerstörten sie bis auf den Grund; die Burgen Roßberg und Sarnen, die sehr fest waren, nahmen sie sie mit List. In Roßberg war eine Dienstmagd die Liebste eines ihrer Gesellen; er überredete sie, ihn in der Nacht an einem Seil zu einem Fensterloch hinaufzuziehen. Aber unten an  der Mauer warteten zwanzig Eidgenossen, und während er in der Kammer mit der Magd scherzte, kletterten sie an dem herabhängenden Se hinauf und machten sich zu Herren der Burg. Den Amtmann mit seinen Leuten setzten sie gefangen, bis auch Sarnen als letzte Burg genommen war; dann jagten sie die fremden Herren aus dem Lande.

 

Sarnen gewannen sie an einem Neujahrstage, an dem sie dem Landvogt Landenberg Geschenke zu bringen hatten, je nachdem, was jeder besaß, ein Kalb, ein Schaf oder eine Sau. Dreißig Eidgenossen versteckten sich wohlbewaffnet vor der Burg in einem Erlengebüsch, andere zwanzig gingen mit den Geschenken zum Schloß. Dem Befehl des Vogts gemäß führten sie keine Waffen bei sich, sondern nur Stöcke; aber sie trugen die Speereisen in ihren Wämsern verborgen und hatten ihre Stöcke so zugerichtet, daß sie die Eisen leicht daranstecken konnten. Unterwegs schon begegneten sie dem Landvogt, der mit seinem Gefolge zur Kirche ritt, und da er sie unbewaffnet sah, gebot er ihnen, die Geschenke in die Burg zu bringen. Kaum waren sie darin, so pflanzten sie die Eisen auf und ließen das Horn blasen; da stürmten die Genossen aus dem Erlenbusch herbei und nahmen mit ihnen vereint alle gefangen, die in der Burg waren. Der Landvogt und seine Diener hörten den Hornruf und das Getümmel bis in die Kirche, und da sie die Burg verloren sahen, ergriffen sie die Flucht. Die Eidgenossen erblickten den Fliehenden, wie sie an den Bergen entlangjagten, aber sie verfolgten sie nicht, sondern ließen sie laufen, zufrieden damit, sie los zu sein. Die Burg Sarnen ward wie alle Zwingburgen bis auf den Grund geschleift.

 

So waren die Eidgenossen, die sich heimlich zusammengetan hatten, Meister des Landes geworden. Und nun richteten die drei Waldstätten öffentlich ihren Bund auf und schwuren einander, gemeinsam ihre Freiheiten und Rechte zu wahren, jetzt und immerdar."

 

-- Das ist das Ende der Mär --

 

 

         

 

 

Für:

 

Samuel aus der Schweiz (MChar´aj)

 

 

Quelle:

Germanisch-Deutscher Sagenschatz, Hans W. Fischer,

Rheingauer Verlagsgesellschaft 1985. ISBN 3 88102 024 1

 

 

 

 

 



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