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-- IV/VI --

 

"´Aber was geschieht dann?´ fragte Gangleri. ´Was magst du dich erdreisten, danach zu fragen!´ rief Hoch. ´Keiner wagte je nach fernerer Zukunft zu fragen!´ rief Gleichhoch. ´Niemand weiß noch mehr über das Schicksal der Welt!´ rief Dritt. Da geschah ein Donnerschlag, es krachte von allen Seiten, und Gangleri wandte unwillkürlich den Kopf. Aber als er rings um sich blickte, sah er weit und breit nichts mehr als flaches Feld. Keine Halle war mehr da und keine Burg. Da erkannte Gylfi, das er soeben die ganze Macht und das ganze Wissen des großen Odins hatte schauen dürfen. Er wandte sich ehrfürchtig um und kehrte in sein Reich zurück. Dort erzählte er, was er gesehen und gehört hatte, und so kam die Kunde vom Wesen und Walten der Asen in die Welt.

 

 

 

-- Odin, der Wanderer --

 

An einem Herbsttag ruderten zwei Knaben mit ihren Angeln zum Fischfang: Agnar und Geirröd, König Raudung´s Söhne. Der Wind trieb sie weit ins Meer, in dunkler Nacht scheiterte ihr Boot an einer Schäre. Sie stiegen aufwärts und fanden Obdach bei einem kleinen Bauern, dort blieben sie den ganzen Winter über. Die Frau nahm sich Agnars an, der Mann Geirröds, und er unterwies sie in vielen Dingen. Die Knaben aber wußten nicht, daß der Bauer Odin war und sein Weib Frigga. Im Frühjahr gab ihnen der Bauer ein Schiff. Sie gingen zusammen zum Strand hinab, doch ehe die Knaben einstiegen, nahm der Mann Geirröd zu Seite und sprach mit ihm allein. Mit gutem Wind fuhren die Brüder davon und erreichten den Hafen der Heimat. Geirröd sprang von der Spitze des Schiffs an Land und stieß es zurück ins Wasser mit den Worten: ´Fahr hin in aller bösen Geister Gewalt!´ Da trieb Agnar wieder in die See und ward weit weg verschlagen in ein Land, wo einsam in einer höhle eine Riesin hauste; dort blieb er und lebte mit ihr. Geirröd aber ging hinauf zum Hof. Er wurde wohl empfangen, aber seinen Vater fand er nicht mehr, denn der war gestorben. An seiner Statt ward Geirröd König und herrschte mit großer Macht.

 

Viele Jahre danach schauten Odin und Frigga von ihrem lichten Sitz über die Welt. Da sprach Odin: ´Sieh: Agnar, dein Pflegekind, zeugt in einer dunklen Höhle Kinder mit einem Riesenweib – aber Geirröd, der meine, herrscht als König über sein Land!´ Frigga erwiderte: ´Er ist König, aber niedrigen Herzens und karg gegen Gäste – kaum, daß er ihnen satt zu essen gibt.´ Das nannte Odin eine Lüge, sie stritten sich und schlossen schließlich eine Wette, wer recht habe. Odin selbst wollte die Probe machen. Heimlich sandte Frigga ihre Schmuckmaid Fulla zu Geirröd mit falscher Warnung: ´Ein Zauberer wird in dein Land kommen, vor dem hüte dich! Du wirst ihn daran erkennen, daß kein Hund, und sei er noch so böse, ihn angreift.´ Diese Warnung verdüsterte das Herz des Königs. Er war niemals sehr freundlich gegen Gäste; aber als jetzt eines Tages ein Mann am Hofe erschien, vor dem die Hunde, statt ihn anzubellen, mit eingezogenem Schwänzen flüchteten, ließ er ihn packen und in Fesseln schlagen. Der Fremde trug einen blauen Mantel und nannte sich Grimnir, aber er antwortete auf keine weitere Frage. Da ergrimmte Geirröd und ließ ihn, um ihn zum Sprechen zu zwingen, in die Halle zwischen zwei Feuer setzten; dort saß Grimnir acht Nächte lang ohne einen Tropfen Getränk."

 

 

         

 

 

 

-- Odin am Feuer bei Geirröd --

 

 

 

 

 



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