ngodin6

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-- VI/VI --

 

"Siegrunen, die man auf den Schwertknauf schneidet; Älrunen, aufs Trinkhorn zu ritzen, damit sie der Trunkenheit wehren; Gebärrunen zur Hilfe für die Kreißende; Brandungsrunen für glückliche Landung; Astrunen gegen Krankheit; Rederunen und Denkrunen für Zunge und Haupt. Kund wurden manchen Menschen auch Zauberlieder und Zaubersegen: Wunden zu heilen und Feindeswaffen zu stumpfen, Fesseln zu entschlüpfen und einen Speer in der Luft anzuhalten, Feuer zu besprechen und Haß zu schlichten, Sturm zu stillen und Hexen zu bannen, Glück herbeizuziehen und Mädchen zu betören, ja selbst einen Gehängten zu erwecken, daß er vom Galgen geht und spricht. Und ebenso drang von den wissenden Frauen, mit denen Odin Umgang pflog, Gabe der Zauberei und Weissagung auf die Erde ein. Die geheimnisvollen Nornen am Urdbrunnen und die zukunftkündenden Wölwen fanden Nachfolgerinnen. An manches Kindes Wiege traten weise Frauen, die ihm Gutes, und wohl auch welche, die ihm Böses anwünschten. Wahrsagerinnen zogen durchs Land, den Stab in der Hand, den Zauberbeutel am Gürtel, mit Schuhen und Handschuhen aus Pelz; sie gingen in die Häuser, wie es einst Gulweig tat, und die Menge drängte sich um sie. Nicht mehr entrückt in Asgard oder anderen fremden Welten blieb das Walten der Götter; rings um sich herum spürten es die Menschen mit heiliger Scheu.

 

Aber sie  fühlten den Gott nicht nur im dunklen Geheimnis, sondern auch im Licht des hellen Tages. Denn Odin hatte, da er wandernd die Welt durchstreifte, Menschenart und Menschensinn wohl kennengelernt. So konnte er zu den Männern reden als ein Mann, ein vielbefahrener und vielerfahrener, der anderen wohl zu raten weiß. In kurzen, markigen Sprüchen zeichneten die Nordmänner auf, was er ihnen an harter und klarer Lebensweisheit schenkte. Er lehrte sie, das Leben zu lieben trotz aller Mühsal: ganz unglücklich ist niemand auf Erden, etwas hat jeder als Trost, seien es Söhne oder Freunde oder das Bewusstsein trefflichen Tuns. Armut ist nicht das schlimmste: solange Leben ist, ist Hoffnung, noch zu Gut und Habe zu kommen. Selbst Schaden am Leibe lässt sich überwinden: der Lahme kann reiten, der Handlose hüten, der Taube zugreifen! Nur der Tote taugt nichts mehr. Darum freue sich jeder der Sonne, sofern er eines nicht verliert: die Ehre.

 

Denke daran, dein Leben zu verteidigen: im freien Feld weiche nicht einen Schritt von den Waffen, und wenn du in ein Haus trittst, sieh nach den Ausgängen! Aber sei nicht allzu klug, mach dir nicht schlaflose Nächte mit Sorgen, und vor allem: scheue nicht den Kampf; denn sterben muß jeder, und wen der Speer verschonte, den erschlägt doch schließlich das Alter. Vorsichtig sollst du sein und nicht blindlings vertrauen; unter jedem Gewand kann sich die Faust verbergen, die dich töten will. Aber kommt es zum Kampf, dann sei kühn und gehe, wenn es not tut, so freudig in den Tod, wie du fröhlich lebtest. Deine Feinde sollst du hassen und ihnen nicht Frieden geben, versäume ihnen gegenüber keinen Vorteil und steh früh auf, wenn du ihrer Herr werden willst! Aber wie du Böses mit Bösem vergiltst, so vergilt auch Gutes mit Gutem, und wie du dem Feinde Feind bist, so sei dem Freunde Freund. Denn Köstlicheres findest du nicht als Freundschaft. Der Mann ist des Mannes Lust; kein Weg ist zu weit zum Freunde, dem du in allem Vertrauen schenkst und der dir in allem die Wahrheit sagt. Gönne jedem das Seine und freue dich nicht über fremdes Unglück. Sei gastfreundlich gegen den Fremdling, und kommst du als Gast, so wahre die gute Sitte. Rede nicht unnütz, trinke nicht zuviel: denn leicht gerät der ins Unglück, wer sich um die Besinnung bringt. Aber wenn du bei anderen noch so gut aufgenommen wirst: Herr bist du nur daheim, auf eigenem Besitz, und sei er noch so klein.

 

Zuverlässig ist nichts auf der Welt, kein Gut, kein Weib, kein Sohn – und auch keine Macht: denn immer lebt dem Starken ein Stärkerer. Alles vergeht und stirbt einmal: der Besitz, die Sippen, endlich du selbst. Eines nur bleibt und überlebt dich, den Ruf, den du dir selbst gewannst. – So lehrte Odin sein Volk, und es lebte nach dieser Lehre in seiner Heldenzeit."

 

 

 

         

 

 

 

-- Odin, der Welten-Wanderer --

 

 

 

 

 

 



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