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-- V/IX --

 

"Aber als die Nacht schon hereingebrochen war und es sie sehr nach einer Herberge verlangte, stießen sie auf ein großes Haus; die Tür stand offen, so breit wie der ganze Saal, in den sie hineinführte. Drinnen legten sie sich zur Ruhe nieder. Um Mitternacht begann der Boden zu erbeben, daß das Haus schwankte wie ein Schiff, und sie glaubten auch den Sturm schnauben zu hören. Da standen sie auf und tasteten sich im Dunkel weiter, bis sie den Eingang zu einer kleinen Nebenhöhle fanden. Dort setzte sich Thor, den Hammer in der Faust, auf die Schwelle, und die beiden anderen verkrochen sich, da das Schnauben fortdauerte, in der äußersten Ecke. Endlich brach der Morgen an, und Thor ging hinaus. Draußen im Walde sah er einen riesigen Kerl liegen, der schnarchte ungeheuer. Dem Donnerer stieg der Zorn auf: er wußte jetzt, was das in der Nacht für ein Schnauben gewesen war. Sofort legte er den Kraftgürtel um und packte mit gewaltiger Faust den Hammer, aber da erwachte der Mann und erhob sich schnell in seiner ganzen Länge: zum ersten Mal fehlte dem Gott der Mut, zuzuschlagen, und er fragte den Riesen nach seinem Namen. ´Ich heiße Skrymir´, antwortete der, ´und du bist wohl der Asa-Thor? Hast du mir etwa meinen Handschuh fortgeschleppt?´ Er bückte sich und hob den Handschuh auf, da fielen Loki und Thialfi heraus: das Haus, in dem sie zuflucht gesucht hatten, war der Handschuh gewesen und die Nebenhöhle der Däumling. Als er dies sah, sagte Thor nicht nein, da der Riese ihm anbot, friedlich zusammen weiterzuwandern. Sie setzten sich zum Frühstück und aßen, der Riese aus seinem Sack und die Asen aus dem ihren. ´Sind wir Genossen, so wollen wir künftig auch zusammen aus einem Sack essen´, meinte der Riese, und als Thor zustimmte, nahm er alles, was an Speise da war, steckte es in seinen Ranzen, den er zuschnürte und auf den Rücken warf, und schritt voraus.

 

Sie mussten sich große Mühe geben, seinen langen Schritten zu folgen; den ganzen Tag führte er sie weiter durch den Wald, und sie waren recht froh, als er am Abend unter einer großen Eiche haltmachte und sagte: ´hier wollen wir übernachten!´ Er selbst wollte sich gleich hinlegen und schlafen, die anderen könnten sich das Nachtessen zurechtmachen, sie hätten ja den Sack. Kaum hatte er sich hingelegt, so war er auch schon eingeschlummert. Unterdessen wollten die Asen die Riemen des Sacks lösen; aber so sehr sie sich mühten, sie bekamen keinen einzigen Knoten auf. Das verdroß Thor gewaltig, er ergriff zornig den Hammer mit beiden Händen, und indem er vorsichtig hinübertrat, schlug er Skrymir auf den Kopf. Davon erwachte der Riese und brummte schläfrig: ´Mir ist wohl ein Blatt vom Baum auf den Kopf gefallen? Hat euch das Abendessen gut geschmeckt? Dann geht nun auch schlafen!´ Thor antwortete, das wollten sie tun, und die drei legten sich mit leerem Magen ein Stückchen weiter hin unter eine andere Eiche. Aber es war ihnen nicht wohl zumute, und sie schliefen recht unruhig. Um Mitternacht hörte Thor den Riesen wieder schnarchen, daß es durch den ganzen Wald brauste. Da trat er leise zu ihm hin und schlug ihn mit dem Hammer, rasch und fest, mitten auf den Schädel; er glaubte zu sehen, wie das Eisen tief eindrang. Abermals erwachte Skrymir, sah ihn an und fragte verdrießlich: ´Was ist denn schon wieder los? Mir ist wohl eine Eichel auf den Kopf gefallen? Und was willst du denn hier, Thor?´ Verlegen stotterte Thor, er sei eben aufgewacht; aber es sei wohl erst Mitternacht, und sie könnten ruhig weiterschlafen. Damit ging er an seinen Platz zurück; aber er lag wach und lauschte auf die Atemzüge des Riesen – wenn Skrymir wieder einschliefe, wollte er so zuschlagen, daß er das Aufwachen vergäße.

 

Gegen Morgen endlich schien es ihm soweit zu sein, er stand auf, und mit einem Anlauf heranspringend, traf er den Schlafenden so mächtig auf die Schläfe, daß der Hammer bis an den Schaft versank. Aber siehe, Skrymir setzte sich auf, fuhr sich mit der Hand über das ganze Gesicht und sprach gähnend: ´Die Vögel da oben schmeißen mich wohl mit Zweigen! Da wollen wir aufstehen, Thor, und uns auf die Socken machen. Wenn ihr dort geradeaus nach Osten geht, dann kommt ihr zur Burg Utgart; ihr werdet staunen, was ihr da für Kerle finden werdet, gegen die bin ich nur ein Krümel – und ich bin doch auch nicht gerade winzig, nicht wahr? Mit denen anzubinden ist keine Kleinigkeit, die lassen sich´s nicht gefallen, wenn ihr große Sprüche macht. Wenn ich euch gut raten soll, dann kehrt lieber um! Ich selbst habe noch woanders zu tun, ich muß nach Norden in die Berge!´ Damit nahm er den Ranzen samt der ganzen Speise auf den Rücken und schlug sich seitwärts in den Wald; die Asen vergaßen ganz, ihm glückliche Reise zu wünschen."

 

 

 

 

         

 

 

 

 

-- Utgard-Loki, der Bezwinger Thor´s --

 

 

 

 

 

 

 

 



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