sechsteskapitel1

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-- I/V --

 

"Boten eilten voraus, dem Hunnenkönig das nahen der Gäste anzusagen, und er freute sich ehrlichen Herzens. Kriemhild sah aus dem Fenster die Burgunden heranziehen und vor der Burg Zelte schlagen; da lachte auch sie und sprach leise vor sich hin: ´Jetzt werden meine Recken Arbeit finden! ´ Mit Trauer aber erfuhren die Ankunft der Helden der edle Dietrich und sein Waffenmeister Hildebrand. Sie hatten gemeint, Rüdiger wisse um Kriemhilds Rachewunsch und werde die Helden warnen; aber der Arglose hatte, das sahen sie jetzt, der Königin niemals Falschheit zugetraut. Da beschlossen sie, die Gäste selbst zur Vorsicht zu mahnen, und stiegen schnell zu Pferde. Als Hagen sie mit ihrem Gefolge heranreiten sah, hieß er die Recken aufstehen, um den edlen Helden würdig zu empfangen. Der grüßte die Könige und die Burgunden mit großer Freundlichkeit, fragte aber gleich: ´Ist euch nicht bekannt, daß Kriemhild immer noch um Siegfried weint?´ ´Mag sie weinen´,  sprach Hagen, ´Siegfried ist tot und kommt nicht wieder.´ ´Aber Kriemhild lebt noch´ , entgegnete Dietrich, ´von ihr droht Gefahr: davor hüte dich, König Gunther!´ ´Warum soll ich mich hüten? Luden sie und König Etzel uns nicht freundlich in ihr Land? ´ fragte Gunther. ´Ihr Sinn steht anders als ihre Worte´, antwortete der Berner; ´ich höre sie alle Morgen zu Gott um Rache rufen für den toten Siegfried. ´ ´Dann ist es nicht zu wenden´, sagte da der kühne Volker; ´reiten wir zu Hofe, dort werden wir erfahren, was uns bevorsteht! ´

 

Stolz ritten die Nibelungen dahin, und als sie abstiegen, drängten sich die Hunnen, sie zu sehen. Am meisten begehrten sie den zu schauen, der Siegfried erschlug, und sie zeigten Hagen einander: er war hochgewachsen und breit von Schultern, auf langen Beinen ging er herrisch einher, unter dem grauen Haar blickten seine Augen schrecklich aus dem düsteren Antlitz.

 

Eilends schaffte man den Gästen Herberge. Den Knechten gab man auf befehl Kriemhilds gesondertes Quartier, ihrer waltete Dankwart als Marschall. Die Könige und ihre Degen aber lud man in die Burg. Kriemhild kam ihnen mit ihren Frauen entgegen, sie schritt auf Giselher zu und grüßte ihn als ersten mit einem Kuß und Umarmung. Als Hagen das sah, band er seinen Helm fester und sprach: ´Ich merke, man grüßt die Fürsten und ihre Recken ungleich, wir kamen zu keinem guten Fest!´"

 

 

         

 

 

 

 

 

 

 

  

 



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